Die 7 häufigsten Irrtümer über Übersetzungen und zur Arbeit von Übersetzern

In den letzten Jahren macht sich bei der Öffentlichkeit verstärkt die Meinung breit, dass die Arbeit von Übersetzern einfach und fast für „Jedermann“ zu schaffen sei. Als ein Übersetzungsbüro, das die Arbeit der Übersetzer als individuellen Ausdruck von großem Sachverständnis und Sprachkenntnissen einzelner Übersetzer sehr hoch schätzt, haben wir uns entschieden, die häufigsten Irrtümer über Übersetzungen zusammen zu fassen, und wir werden versuchen, diese richtig zu stellen.

 

1. Ich beherrsche eine Fremdsprache und kann daher als Übersetzer arbeiten.

Die Beherrschung einer fremden Sprache und die Fähigkeit, sich darin relativ fließend zu verständigen, stellt noch keine Garantie dafür, dass man auch gute Arbeit als Übersetzer leisten kann. Das gesprochene Wort unterscheidet sich stark von der Schriftform; schafft man es somit problemlos sich in einer Fremdsprache zu unterhalten, heißt das leider nicht, dass man sich schriftlich genauso gut äußern kann.

2. Ich bin in einer zweisprachigen Umgebung aufgewachsen und kann daher als Übersetzer arbeiten.

Der Umstand, dass man in einer zweisprachigen Umgebung aufgewachsen ist, bedeutet noch lange nicht, dass man auch in der Lage ist, als Übersetzer zu arbeiten. Es zählt schon mehr dazu als die gründliche Kenntnis zweier Sprachen. Man muss darüber hinaus fähig sein, den Text aus einer Sprache in die andere so umzuwandeln, dass sich die Übersetzung selbst wie ein Original anhört. Zwischen der Fähigkeit, sich zweisprachig verständigen zu können, und der Fähigkeit, zu übersetzen, besteht ein wirklich großer Unterschied.

3. Die moderne Übersetzungssoftware ist so fortschrittlich, dass sie die Übersetzer bald ersetzt.

Mit den zurzeit vorhandenen automatisierten Übersetzungstools lässt sich der Text mehr oder weniger so übersetzen, dass sie ein Wort nach dem anderen übertragen. Der Kontext selbst und die feinen Unterschiede in der Bedeutung einzelner Wörter sind damit jedoch nicht zu erfassen. Ein weiteres Problem stellt die richtige Wortfolge dar. Die übersetzten Wörter werden in der gleichen Reihenfolge wie beim Quellentext wieder zum Satz zusammengefügt. Somit machen viele der übersetzten Sätze möglicherweise keinen Sinn mehr. Die automatisierten Übersetzungstools können sehr nützlich sein, um sich mit dem Text allgemein vertraut zu machen, können die Arbeit professioneller Übersetzer jedoch nicht ersetzen.

4. Ich habe einen Text mit rund 2500 Wörtern, können Sie ihn innerhalb einer Stunde übersetzen?

Die Meisten schaffen es nicht mal, die 2500 Wörter vor Ablauf einer Stunde am Computer zu tippen. Damit ist es zumindest ziemlich unrealistisch, 2500 Wörter innerhalb einer Stunde zu übersetzen. Die tatsächliche Anzahl der Wörter, die ein professioneller Übersetzer im Durchschnitt innerhalb einer Stunde übersetzen kann, ist natürlich von vielen Aspekten abhängig (beispielweise vom Texttyp). Die Übersetzung eines Marketingtextes dauert unvergleichbar länger als dies zum Beispiel bei einem geradlinigen Handbuch der Fall ist. Der zeitliche Aufwand wird auch durch die Fachlichkeit der Übersetzung beeinflusst. Die Übersetzung eines sehr spezifischen und terminologisch kompakten Fachtextes erfordert viel mehr Zeit als beim gewöhnlichen Text. Ein professioneller Übersetzer kann um die 250 bis 350 Wörter pro Stunde übersetzen und braucht somit für die Übersetzung von 2500 Wörter rund 7 bis 10 Stunden.

5. Wir brauchen keine Übersetzung unserer Webseite und Marketingunterlagen, für unsere Kunden ist Englisch kein Problem.

Obwohl heute viele von uns kein Problem mehr damit haben, fremdsprachige Texte (beispielsweise auf Englisch) zu lesen, kommt es häufig vor, dass die eigenen Kenntnisse nicht ausreichen, um alle Details des Textes richtig erfassen zu können. Potenzielle Kunden könnten somit weniger geneigt sein, die umworbenen Produkte oder Leistungen zu erwerben, solange sie die Auskünfte darüber nicht in der eigenen Sprache erhalten. Die nachfolgende Studie belegt, dass auch Menschen, die Englisch beherrschen, es vorziehen, Produkte in der eigenen Muttersprache zu erwerben. (Quelle: https://hbr.org/2012/08/speak-to-global-customers-in-t/)

6. Übersetzungen können nicht anstrengend sein, da es für jeden Text nur eine richtige Übersetzung gibt.

Die Sprache ist keine exakte Wissenschaft. In den Augen der Sprachwissenschaftler gibt es mehr als nur eine richtige Antwort. Die Gedanken lassen sich vielfaltig interpretieren. Sollen zehn Übersetzer für uns den gleichen Text übersetzen, bekommen wir zehn unterschiedliche Versionen, wobei jede einzelne davon als geeignet angesehen werden kann. Einige Versionen mögen dabei den Kontext besser erfasst haben oder besser auf das Zielpublikum abgestimmt sein. Deshalb ist es wichtig, immer Übersetzer zu beauftragen, die sich mit der zu übersetzenden Problematik und auf dem jeweiligen Gebiet wirklich gut auskennen.

7. Was lernen Studenten beim Studium von Übersetzungswissenschaften? Müssen künftige Übersetzer das ganze Lexikon auswendig lernen?

Auch wenn es möglich wäre, ein ganzes Lexikon auswendig zu lernen, ist das aus Sicht der Übersetzer überflüssig. Es könnte dem Übersetzer höchstens einige Zeit sparen, bräuchte er einige der Begriffe nicht im Wörterbuch nachzuschlagen. Ein guter Übersetzer muss jedoch nicht jedes Wort im Lexikon beherrschen. Ein guter Übersetzer zu sein, bedeutet nämlich nicht, jedes Wort zu kennen. Beim Übersetzen werden konzeptuell viel kompliziertere Verfahren angewandt, um das sprachlich dargestellte in eine andere Sprache zu übertragen. Diese Verfahren erfordern eine tiefe Kenntnis der Ausgangs- sowie Zielsprache und der dazugehörigen Kultur. Um das erforderliche Niveau zu erreichen, sind eine Prise Talent, viel Training und ständiger Einsatz notwendig.

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